Sehr geehrter Herr Kardinal Meisner,

vor kurzem fiel uns ein Artikel in der WELT vom 6. Juni in die Hände, indem Sie die Unionsparteien aufforderten, das »C« für Christlich aus ihren Parteinamen zu streichen. Sie werden folgendermaßen zitiert: »Was christlich ist, kann nicht die CDU definieren, das machen wir«. Weiter heißt es: »Meisner bekräftigte den absoluten Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche«.

Sehr geehrter Herr Meisner, wir teilen Ihre Auffassung, dass die Parteien CDU/CSU ihr »C« zu Unrecht tragen. Schließlich befürworten sie den Krieg, während Jesus, der Christus, von dem diese Parteien ihr »C« ableiten, die absolute Gewaltlosigkeit und die Feindesliebe lehrte.

Doch mit welchem Recht sagen Sie: Was christlich ist bestimmen wir?
Mit »wir« meinen Sie vermutlich die katholische Kirche. – Jesus von Nazareth, der Christus, hat nie eine Kirche gegründet. Und was christlich ist, bestimmt immer noch Christus!
Wo ist Ihre Vollmacht, die Christus Ihnen gegeben hat? Wenn Sie für sich in Anspruch nehmen, zu definieren, was christlich ist, zeigen Sie uns bitte Ihre Vollmacht!

Wer sich ein wenig mit der Frühgeschichte des Christentums befasst, der findet bald heraus, dass die angebliche Aussage des Jesus von Nazareth, wonach er auf dem »Felsen« Petrus seine Kirche errichten wolle, textkritisch äußerst umstritten ist. Sie ist entweder komplett gefälscht oder zumindest durch die Kirche hoffnungslos überinterpretiert. Der »Fels«, auf den Christen ihr Leben gründen sollen, ist kein Mensch, sondern Christus selbst. Und Christus hat nun mal weder eine Kirche gegründet, noch Priester eingesetzt.
In den frühchristlichen Gemeinden spielten die »Priester« (die Ältesten) und die »Bischöfe« (die Aufseher) nur eine untergeordnete Rolle im Verwaltungs- und Kassenbetrieb. Erst nach zwei Jahrhunderten verdrängten sie die Träger der geistigen Aufgaben, die Propheten, Heiler und Lehrer, von der Führung der Gemeinden. Erst ab diesem Zeitpunkt entstand allmählich eine »Kirche« im Sinne einer hierarchisch gegliederten Institution.

Im Übrigen: Vergleicht man das, was Ihre Kirche – die von Christus nicht eingesetzt wurde – in den vergangenen zwei Jahrtausenden lehrte und tat, so zeigt sich ganz offensichtlich, dass sie im eklatanten Widerspruch zu Lehre und Leben von Jesus, dem Christus steht.

Einige Beispiele:

Jesus lehrte:
»Du sollst nicht töten«
»Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.«
»Liebet euren Nächsten wie euch selbst.«
»Liebet eure Feinde!«

Ihre Kirche hat bis zu 10 Millionen Toten aus der Inquisition, bis zu 22 Millionen Tote aus den Kreuzzügen, Hunderttausende »Heiden« während der »Christianisierung«, Hunderttausende Juden in blutigen Pogromen, 100 Millionen Indianer, 9 Millionen »Hexen« usw. usw. auf dem Gewissen.
Ihre Kirche hat auch bis heute fast jeden Krieg gerechtfertigt und auf beiden Seiten die Waffen gesegnet – inklusive der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die bis heute Hunderttausenden das Leben kosteten.

Jesus lehrte:
»Ihr sollt euch nicht Vater nennen lassen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.« Der Papst in Rom lässt sich nicht nur »Heiliger Vater« nennen, sondern auch noch »Stellvertreter Gottes« - und er nimmt gar für sich in Anspruch unfehlbar zu sein...
Mit Gott oder Jesus hat das nichts zu tun!
Jesus lehrte:
»Sammelt euch keine Schätze auf Erden, welche die Motten und der Rost fressen...«Ihre Kirche hat unermessliche Reichtümer angehäuft, ist der größte Grundbesitzer der westlichen Welt. Experten schätzen das Gesamtvermögen der Kirche allein in Deutschland auf fast eine halbe Billion Euro. Der Goldschatz des Vatikans wird hinter demjenigen der USA als der zweitgrößte der Welt beziffert: 3.500.000.000 Euro.
Und woher kommt dieser ganze Reichtum? Er wurde den Opfern der Inquisition, der Kreuzzüge, den Indianern geraubt... Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld!

Jesus brachte den Menschen die Frohbotschaft vom liebenden Vater-Gott, zu dem alle Menschen und Seelen einst zurückkehren werden: »Kein Schaft geht verloren!«Ihre Kirche brachte den Menschen die Drohbotschaft von einem Rachegott, von ewiger Verdammnis und ewigen Höllenqualen...


Daher wäre es nicht nur für die CDU an der Zeit, das »C« aus ihrem Namen zu streichen, sondern auch für die Institution katholisch: Nennen Sie sich doch bitte katholisch oder vatikanisch, aber nicht länger christlich! Denn dies ist ein Etikettenschwindel und kommt einem Verrat an der Lehre des Christus gleich!

Aber vielleicht haben Sie, werter Herr Kardinal, ja noch eine andere Art von Vollmacht erhalten, die uns nicht bekannt ist. Ist es vielleicht dieselbe »Vollmacht«, mit der katholische Terroristen bis vor kurzem in Irland Bomben legten? Mit der argentinische Militärgeistliche zwischen 1976 und 1983 Soldaten »Trost« spendeten, die betäubte Gefangene gerade aus Flugzeugen ins Meer geworfen hatten mit der Begründung, die Spreu müsse vom Weizen getrennt werden, so stehe es schon in der Bibel, und außerdem sei es ein »christlicher Tod« gewesen?
Solche »Vollmachten« gab es unzählige in der Geschichte. Nur hatten diese »Vollmachten« immer eines gemeinsam: von Christus waren sie mit Sicherheit nicht ausgestellt. Aber von wem dann?

Es gehört schon eine gehörige Portion Vertrauen in die Naivität seiner Mitmenschen dazu, angesichts der bis in die jüngste Gegenwart blutbefleckten Geschichte der katholischen Kirche einen Monopolanspruch dieser Institution auf das Erbe des Jesus, des Christus, zu erheben, der für den Gott der grenzenlosen Liebe und Barmherzigkeit eintrat.

Aber vielleicht täuschen wir uns ja. Zeigen Sie uns die Vollmacht.

Mit freundlichen Grüßen
im Namen der Freien Christen für den Christus der Bergpredigt



Hiltrud Beil




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