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Verdrängen, verschweigen, vertuschen. |
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Ein 50-jähriger katholischer Dekan überrumpelt einen 17-jährigen Ministranten mit sexuellen Handlungen, vergreift sich vier Jahre lang an ihm, oft mehrmals die Woche. Als der junge Mann das für ihn alptraumhafte Verhältnis beenden will, droht der Priester, sich umzubringen. Der inzwischen 21-Jährige trennt sich von ihm, erhält kompetente Beratung und geht zur Polizei. Die ermittelt gegen den Kirchenmann wegen Nötigung. Doch die Ermittlungen werden bald abgeschlossen - der Dekan wirft sich vor einen Güterzug.
Unter dem Titel »Sex crimes and the Vatican« (Sexualverbrechen und der Vatikan) untersucht der irische Filmemacher Colm O'Gorman, der selbst als 14-Jähriger von einem Priester missbraucht wurde, ein weltweit praktiziertes Verhaltensmuster der Vatikankirche: Verdrängen, verschweigen, vertuschen. Geschützt werden nicht die Opfer, sondern die Täter - und damit das Ansehen der Kirche.
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Sex-Verbrechen an Kindern: Papst Benedikt XVI. wird vorgeworfen, als Kardinal Ratzingerfür 20 Jahre Vertuschungsstrategie verantwortlich zu sein |
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Damit ist dieses Drama, das sich Ende 2006 in Lohr am Main abspielte, für die Justizbehörden, für die Lokalmedien und für die Diözese Würzburg abgeschlossen. Dekan Kestler wird mit allen Ehren bestattet - über einen Verstorbenen redet man nun mal nichts Schlechtes. Doch wie ergeht es einem Jugendlichen, der erst missbraucht und dann erpresst wird? Wie kommt er damit zurecht?
Im August 2007 geht dieser junge Mann an die Öffentlichkeit. In Panorama (16.8.07) berichtet er, wie der Dekan ihn über längere Zeit hinweg zu sexuellen Handlungen genötigt habe. Und er kommt auf die Rolle der Kirche zu sprechen. Der Würzburger Bischof Hofmann habe ihm in einem Gespräch geraten, keine Polizei einzuschalten und keine Anzeige zu erstatten, sondern auf eine kirchliche Kommission zu vertrauen, die er einsetzen wolle. Außerdem habe Hofmann gesagt, wenn dies alles nicht stimme, werde er sich dafür einsetzen, dass der inzwischen 22-jährige nirgendwo in der Kirche mehr Fuß fassen könne.
Bischof Hofmann ließ nach der Sendung verlauten, er habe den jungen Mann nicht »zum Schweigen gedrängt«. Er habe lediglich »geraten, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, damit Staatsanwaltschaft und Kirche die Fakten objektiv und in Ruhe sammeln könnten.« - Wie es auch gewesen sei: Eine Entschuldigung von Seiten der Kirche hat der junge Mann bis heute nicht erhalten.
Weitere Opfer melden sich zu Wort
Bei Panorama melden sich weitere Opfer von Sexualverbrechen zu Wort. Norbert Denef, der als Jugendlicher von einem Priester missbraucht worden war, erhielt von der Kirche 25.000 Euro angeboten - falls er ab sofort darüber schweigen würde. Ein ehemaliger Ministrant aus dem Bistum Regensburg berichtet, wie ein Priester ihn unter dem Vorwand der »Aufklärung« zum Sexopfer machte. 1999 erhielt er 12 Monate auf Bewährung - und wurde in einer anderen Gemeinde wieder eingesetzt. Und verging sich dort, wie sich im August 2007 herausstellte, zwischen 2003 und 2006 wieder an mehreren Ministranten. Dabei hatten die deutschen Bischöfe im April 2002 noch hoch und heilig versprochen, von nun an »null Toleranz« gegenüber Sexualverbrechern zu üben.
USA: 660 Mio. Dollar Entschädigung für missbrauchte Kinder
Bedauerliche Einzelfälle? Leider nicht. Blicken wir nach USA: Die Diözese Los Angeles verpflichtete sich im Juli 2007, an die Opfer von Sexualverbrechen durch Priester die Rekordsumme von 660 Millionen Dollar zu bezahlen. (Davon erhält die Diözese aufgrund einer Haftpflichtversicherung bei deutschen Rückversicherern allerdings 227 Dollar ersetzt.) In drei Vierteln der Pfarreien dieser Diözese wurden Sexualverbrechen aufgedeckt. Einer der Täter wurde im Laufe der Jahre in 17 verschiedene Pfarreien versetzt - und verging sich während dieser Zeit an mehr als 20 (!) Kindern.
BBC-Sendung: »Sex-Crimes and the Vatikan«
Diese verbrecherischen Machenschaften haben offenbar Methode. Am 3.10.2006 nimmt sich ein englisches BBC-Fernseh-Magazin, das ebenfalls »Panorama« heißt, des Themas an. Unter dem Titel »Sex crimes and the Vatican« (Sexualverbrechen und der Vatikan) untersucht der irische Filmemacher Colm O'Gorman, der selbst als 14-jähriger von einem Priester missbraucht wurde, ein weltweit praktiziertes Verhaltensmuster der Vatikankirche: Verdrängen, verschweigen, vertuschen. Geschützt werden nicht die Opfer, sondern die Täter - und damit das Ansehen der Kirche.
O'Gorman greift gleich zu Beginn des Films Papst Benedikt XVI. frontal an: Dieser sei für diese Vertuschungsstrategie persönlich verantwortlich, er habe sie 20 Jahre lang als Kardinal Ratzinger und Vorsitzender der Glaubenskongregation »durchgezogen« (»enforced«).
Ratzinger für Vertuschungsstrategie verantwortlich
O'Gorman nimmt dabei Bezug auf ein Dokument aus dem Jahre 1962, seinerzeit verfasst von Kardinal Ottiaviani. Darin werden unter der kirchenrechtlichen Überschrift »crimen sollicitationis« (Verbrechen der Verführung) Vergehen von Geistlichen im Zusammenhang mit der Beichte behandelt, unter anderem der sexuelle Missbrauch von Beichtbefohlenen. Diese Vergehen sollten geheim bleiben und lediglich dem Bischof gemeldet werden. Es ist von einem Eid die Rede, mit dem alle Beteiligten Verschwiegenheit geloben müssen, unter Androhung der Exkommunikation.
Im Jahr 2001 nahm Kardinal Ratzinger in einem Brief an alle Bischöfe auf dieses Dokument Bezug und ordnete wiederum an, dass bestimmte schwere Vergehen dem Vatikan gemeldet werden müssen, der dann über das weitere Vorgehen entscheidet.
O'Gorman macht nun in seinem Film diese kompliziert formulierten kirchenrechtlichen Dokumente zu »Beweisstücken« für die Vertuschungsstrategie der Kirche. Die Reaktion der Kirche bleibt nicht aus. Bischöfe und Kirchenrechtler behaupten, das Dokument von 1962 sei längst überholt. Und auch der Brief von 2001 beträfe nur die kirchenrechtliche Seite der Angelegenheit; nie sei den Bischöfen untersagt worden, mit weltlichen Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten.
Sie wurden allerdings auch an keiner Stelle dazu aufgefordert, dies zu tun. Und genau darum geht es. Die Geheimhaltungspflicht des Dokuments von 1962 wird im Brief von 2001 weder bestätigt noch verworfen. Wie verhält sich nun der Bischof, der von einem Sexualverbrechen erfährt? Er soll es dem Vatikan melden. Und was weiter? Wird er die Polizei verständigen, ohne dass der Vatikan einverstanden ist?
Mit juristischen Haarspaltereien lenkte die Kirchenseite bisher mehr oder weniger erfolgreich von der eigentlichen Aussage des Films ab: Dass es nämlich auf Dokumente und Paragrafen gar nicht ankommt, wenn man die weltweite Praxis der Kirche unter Augenschein nimmt. Die bestätigt nämlich den Verdacht O'Gormans ganz eindeutig.
Priester vergewaltigt Kind zwischen zwei Messen
Wie in einem kriminalistischen Puzzle reiht O'Gorman ein Indiz an das andere:
- Da ist der schüchterne Aiden Doyle, der als Kind in Irland von einem Priester brutal vergewaltigt wurde. Als er sich unmittelbar danach einem Priester anvertraute, zwang ihn dieser, einen Eid zu schwören, dass er mit niemandem darüber reden würde. Aiden hielt dieses grausame Versprechen 40 Jahre lang. Sein Vergewaltiger wurde nie bestraft.
- Da ist Colm O'Gorman selbst, der Autor des Films. Er schildert, wie er im Alter von 14 Jahren vom irischen Priester Sean Fortune missbraucht wurde. Wie er manchmal nach einer Vergewaltigungsnacht am Sonntagmorgen zwischen zwei Messen ein weiteres Mal als Lustobjekt diente und dann bei der nächsten Messe mit dabei sein musste. Fortune wurde, obwohl die Kirchenleitung genau Bescheid wusste, von Pfarrei zu Pfarrei versetzt.
- Da ist die Großmutter Elza aus einem armen Dorf in Zentralbrasilien. Sie erzählt mit Tränen in den Augen, dass ihr 5-jähriges Enkelkind Warley von einem jungen Priester, Tarcisio Spirigo, missbraucht wurde. Der Priester gab vor, er wolle dem Jungen das Gitarrespielen beibringen. In Wirklichkeit war Tarcisio lange vorher in Sao Paulo wegen Sexualverbrechen angezeigt worden. Doch die Kirche versetzte ihn mindestens viermal in andere Pfarreien, ohne sonst etwas zu unternehmen. Als Elza den Priester anzeigen will, übt man im Ort Druck auf sie aus. Erst als das Tagebuch des Priesters gefunden wird, in welchem dieser seine Vorlieben und seine jeweilige Vorgehensweise detailliert schildert, wird er endlich eingesperrt. Aber der Enkel ist längst zum Gespött der anderen Kinder geworden, die ihn »das kleine Mädchen des Priesters« nennen.
- Da ist Rick Rivezo aus Phoenix, Arizona, der als 14-Jähriger von einem Priester, Father Henn, vergewaltigt wird. Staatsanwalt Rick Romley nimmt sich der Sache an. Doch Father Henn flieht, wie zwei andere von Romley überführte Priester, nach Rom. Romley schreibt an den Vatikan und bittet darum, dass man dort Druck auf die flüchtigen Straftäter ausüben solle, damit sich diese ihrem Prozess stellen. Das Schreiben wird ungeöffnet zurückgeschickt. Romley ist noch heute erbittert und fassungslos: »Die Verhinderungstaktik, die ich da kennenlernte, ist in meiner gesamten Laufbahn einzigartig. Es war fast unmöglich, irgendwelche Informationen von der Kirche zu erhalten. ... Wir erfuhren, dass es eine Anweisung des Nuntius gibt, alle untersuchungsrelevanten Daten ihm zu übergeben, weil er einen Botschafterstatus genießt und wir dieses Material nicht einfordern können. Es ist keine Passivität, was die Kirche hier an den Tag legte. Sie haben ganz offen verhindert, dass Behörden versuchen könnten, den Missbrauch innerhalb der Kirche zu stoppen. Sie bekämpften uns bei jedem Schritt.«
Ähnlich skeptisch äußert sich die US-amerikanische Richterin Anne Burke, die eine offizielle Untersuchung auf Bundesebene durchführte: »Wir können ihnen nicht trauen. Wir dachten, dass die letzten vier Jahre ... den Bischöfen genug Erkenntnisse gebracht haben, um mit der Situation richtig umzugehen. Aber wir sehen jede Woche, jeden Monat ist etwas Neues geschehen, das uns zu der Frage führt, ob sie überhaupt etwas aus den vergangenen Fehlern gelernt haben.«
Doch das würde voraussetzen, dass die Kirchenführung etwas aus den Fehlern lernen will.
Ein Insider: »Die meisten Fälle sahen nie das Tageslicht«
Diese Illusion nimmt uns ein Aussteiger, der ehemalige Benediktinermönch Patrick Wall, der in einer Diözese in Minnesota für die »Abwicklung« von Sexualverbrechen zuständig war. Nach zehn Jahren als »Teil des Systems«, so Wall, »fand ich heraus, dass ich nicht für eine heilige Institution arbeitete, sondern für eine Institution, der es nur darauf ankam, sich selbst zu schützen. ... Die meisten Fälle sahen nie das Tageslicht ... Die ultimative Definition für Erfolg besteht für die Kirche darin, dass ein Sexualverbrechen niemandem bekannt wird. Wenn's mit Geld funktioniert, dann wird eben gezahlt. Wir hatten 1996 ein Budget von 7 Millionen Dollar für solche Zwecke. Aber das ging nur, wenn es absolut geheim blieb.«
Patrick Wall hing das Priestergewand an den Nagel und arbeitet heute für Anwälte, die Missbrauchsopfer vertreten.
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»Vatikan schützt die Vergewaltiger, nicht die Kinder«
Auch der Kirchenrechtler Pater Tom Doyle musste seine Karriere im Vatikan aufgeben, als er das Verhalten der Kirche gegenüber Sexualverbrechern in den eigenen Reihen kritisierte. Er wurde gefeuert. - Nach Aussage Doyles gibt das Crimen-sollicitiationis-Dokument von 1962 durchaus die Politik des Vatikans gegenüber dem Problem wieder, wie sie bis heute in Kraft ist. Wichtig ist aber auch das, was nicht drinsteht: »Nirgends in diesen Dokumenten wird irgend etwas über die Hilfe für die Opfer gesagt.« Sie würden höchstens eingeschüchtert. Ihre Täter werden versetzt, ohne dass die Straftaten publik gemacht werden. »Der Vatikan betreibt keine Politik zum Schutz von Kindern. Sie tun nur etwas zum Schutz der Vergewaltiger, zum Schutz des Vatikans. Sie trachten danach, das Ganze so tief wie möglich zu vergraben und so viel wie möglich Schaden von der Institution abzuwenden. Es geht rein um Schadensbegrenzung.«
Verantwortlich: Papst Ratzinger
Doyle benennt gerade heraus den aus seiner Sicht Verantwortlichen für dies alles: Papst Ratzinger, der 20 Jahre lang »mittendrin« gesteckt sei und nun selber auf dem Papstthron sitze. »Er könnte morgen aufstehen und sagen: Es gibt eine neue Politik: Völlige Öffnung gegenüber den Zivilbehörden. Absolute Isolation und Entlassung der überführten Priester. Volle Offenheit und Transparenz, auch bezüglich finanzieller Transaktionen. Abbau aller Barrieren gegenüber den Gerichten. Nahtlose Zusammenarbeit mit den Behörden überall. Er könnte das anordnen.«
Insofern läuft die erboste Reaktion der Kirche auf den BBC-Film ins Leere. Denn selbst wenn Ratzinger in seiner Vatikan-Karriere mit all dem nichts zu tun gehabt hätte, so bleibt ihm immer noch die Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft: Er könnte es tun.
Doch leider scheint es auch den Massenmedien der westlichen Welt mehr um den Schutz der Kirche als um den Schutz der Opfer von Sexualverbrechen zu gehen. Sonst wäre dieser Film schon längst in allen Ländern gezeigt worden. Bisher jedoch konnten ihn außerhalb Großbritanniens nur die Fernsehzuschauer in Italien sehen.
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Zwei Bayern in Rom: Der Papst als »Endzeitfanatiker«
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