Ist der Verweis auf die blutige Geschichte der Kirche nur ein „haltloser Vorwurf“, eine Abfolge von „Horrorgeschichten“, mit denen man den Mitmenschen unbegründet Angst macht? Kardinal Meisner aus Köln scheint dieser Ansicht zu sein – denn ebendies ließ er Denk mit durch seinen Mitarbeiter Dr. Raimund Lülsdorff ausrichten. Doch der Reihe nach.
Denk mit schrieb Kardinal Meisner einen Brief 1. Brief an Kardinal Meisner , nachdem er geäußert hatte: „Was christlich ist, das kann nicht die CDU definieren, das machen wir.“ Wir fragten ihn in diesem Brief, woher er denn die Vollmacht habe, das Christliche zu definieren, obwohl Jesus doch gar keine Kirche gegründet hat. Und wir verwiesen auf die blutige Kirchengeschichte, auf den unermesslichen Reichtum der Kirche, auf die Dogmen von der ewigen Verdammnis, die allesamt in eklatantem Gegensatz zur ursprünglichen Lehre des Nazareners stehen (siehe Briefauszüge unten).
Kardinal Meisner ließ uns antworten – durch Dr. Raimund Lülsdorff. Herr Lülsdorff bestand darauf – wer hätte es anders erwartet -, dass Jesus von Nazareth der Kirche seine „apostolische Autorität“ verliehen habe. Wer etwas anderes glaube, der gründe seine „Meinung“ auf „menschliches, fehlbares Urteilsvermögen“: „Keineswegs“, so Lülsdorff weiter, „repräsentieren Sie unvoreingenommene Objektivität; dagegen spricht auch die Art und Weise, wie Sie ... einzelne, isolierte Schriftworte heranziehen, um teilweise völlig haltlose Vorwürfe und Horrorgeschichten zu kontrastieren.“
Herr Lülsdorff erhielt daraufhin folgende Antwort von Denk mit:
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vielen Dank für Ihre aufschlussreiche Antwort auf unseren Brief vom 5.8.05.
Aufschlussreich deshalb, weil sie zeigt, wie wenig die katholische Kirche in der Lage oder willens ist, sich mit historischen Tatsachen zu befassen, die sie selbst verursacht hat.
Wenn Sie beispielsweise schreiben, dass die Aussage „Jesus hat keine Kirche begründet“ seit 100 Jahren nicht mehr „diskutabel“ sei, so haben sie die Werke zweier namhafter katholischer Theologen (von anderen Wissenschaftlern wollen wir hier gar nicht sprechen) offenbar überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Der Jesuit Rupert Lay etwa erklärt in seinem Buch „Nachkirchliches Christentum“ sehr genau, dass zwischen der frühchristlichen „ekklesía“, einem losen Verbund selbständiger Gemeinden, und der „Kirche“ als einer nach römisch-imperialem Vorbild hierarchisch strukturierten Institution ein gravierender Unterschied besteht. Oder nehmen Sie Herbert Haag, der z.B. in seinem Buch „Worauf es ankommt“ herausarbeitet, dass die „Kleruskirche“ erst im Verlauf des dritten Jahrhunderts entstand, dass Jesus folglich keine Priester eingesetzt haben kann.
Und wenn Sie nun sagen: „Das sind doch Außenseiter in der katholischen Kirche“, dann darf ich Sie fragen: Ist der jetzige Papst, Her Ratzinger, auch ein Außenseiter? Der hat nämlich selbst vor vielen Jahren als Theologieprofessor vor Studenten gesagt, dass Jesus kein Priestertum gegründet hat. Das jedenfalls berichtet der vergleichende Religionswissenschaftler Prof. Hubertus Mynarek, der damals Ohrenzeuge war.
Wenn Sie schon ausgerechnet die Pastoralbriefe des Neuen Testaments (die wie die gesamte Bibel von fehlbaren Menschen geschrieben und später vielfach abgeändert wurden) als „Beleg“ für Ihre Thesen nennen, so müssten Sie in Rechnung stellen, dass gerade dort (z.B. im 1. Korintherbrief, Kapitel 12) die Rede von geistlichen Aufgaben ist, von Propheten, Lehrern und Heilern, denen die Leitung der Gemeinden übertragen war. Von den Aufsehern (Bischöfen) und Ältesten (Priestern) ist da noch keine Rede – kein Wunder, denn es gab sie zwar schon, sie haben aber erst später die Macht an sich gerissen. Der „apostolische Auftrag“, als Apostel (Sendboten) die Botschaft des Nazareners in die Welt zu tragen, richtete sich also gar nicht an die Priester und Bischöfe, sondern an diejenigen, die durch diese erst später verdrängt und beseitigt wurden.
Und dann werfen Sie uns vor, dass wir keine „unvoreingenommene Objektivität“ besitzen würden, dass unsere „Meinungen“ auf „menschlichem, fehlbarem Urteilsvermögen“ gründeten. Offenbar sind Sie der Ansicht, dass Sie als Kirchenvertreter sowohl Objektivität als auch Unfehlbarkeit für sich gepachtet hätten.
Wir haben eine „unvoreingenommene Objektivität“ übrigens in unserem Brief gar nicht beansprucht. Wir sind im Gegenteil durchaus voreingenommen: Wir stehen auf der Seite des Christus, der etwas ganz anderes wollte, als die Kirche aus Seiner Lehre gemacht hat.
Doch wer „Objektivität“ in den Mund nimmt, sollte sich daran auch messen lassen. Sind Sie wirklich der Ansicht, dass es sich bei den von exemplarisch aufgeführten Tatsachen aus der Kirchengeschichte um „haltlose Vorwürfe“, um „Horrorgeschichten“ handelt? Haben wir die Horror-Geschichte, die die Kirche in den letzten 2000 Jahren den Menschen angetan hat, etwa erfunden? Horror war es tatsächlich, was in der Inquisition geschah, in den Kreuzzügen, in der Hexenverfolgung, bei der Eroberung Amerikas – alles im Namen Gottes. Horror ist es, was zum Teil noch heute geschieht: Sexualverbrechen durch Priester zum Beispiel.
Auf den Reichtum der Kirche und auf die Drohbotschaft der „ewigen Verdammnis“ sind Sie wohlweislich gar nicht erst eingegangen. Alles von Christus gewollt? Vielleicht ahnen Sie ja, wer in Wahrheit auf dem Stuhl Petri Platz genommen hat. Aber Sie haben sich, wie Sie am Ende Ihres Briefes schreiben, entschieden. Nur: für wen – das bleibt die große Frage.
Mit freundlichen Grüßen Im Namen der Freien Christen für den Christus der Bergpredigt
(Hiltrud Beil)
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