Jägerpräsident Vocke: Tiere töten aus Lust

Jusitzposse in München

Ist Jägerpräsident Vocke ein Lusttöter? - Die Antwort auf diese Frage ist nicht unwichtig, denn Vocke ist der Repräsentant von rund 40.000 bayerischen Jägern. Das Sprichwort »Wie der Herr, so´s G´scherr« könnte auch hier zutreffen. Ob man die Frage überhaupt stellen darf, beschäftigte schon zwei Gerichte.


Landtagsabgeordneter Jürgen Vocke: Die Jagd ist ihm Freude und Passion


Das Landgericht München II hielt sie für zulässig. Das Landgericht München I untersagte sie, erlaubte aber gleichzeitig, dem Jägerpräsidenten in einem Flugblatt mitzuteilen: »Sie geben also selbst zu, aus Lust Tiere zu töten.« Das Ergebnis ist paradox. Man darf Vocke nachsagen, dass er zugibt, aus Lust zu töten, aber man darf nicht fragen, ob er ein Lusttöter sei. Wir stellen diese Frage erneut und berichten unseren Lesern über die Justizposse, die Jürgen Vocke gegen die Jagdgegner vor den Münchner Gerichten aufführte.


Sind Jäger Lusttöter? Das Landgericht München I entscheidet: Die Tierschützer dürfen Jägerpräsident Vocke nicht die Frage stellen, ob er ein »Lusttöter« ist. Was man aber auch in Bezug auf den Präsidenten der bayerischen Jäger sagen darf, ist: »Sie geben also selbst zu, aus Lust Tiere zu töten.«. - Eine bayerische Justizposse?


Justizposse vor Münchner Gerichten

Der Haupteingang des Münchner Justizpalastes bot an diesem Vormittag ein seltenes Bild: Es fanden sich nicht nur geschäftige Anwälte und ihre Kundschaft ein, sondern auch temperamentvolle Tierschützer, die gegen die Jagd demonstrierten - mit deftigen Plakaten und Handzetteln. Mit einem Transparent »Stoppt die Lusttöter!« machten sie die Passanten auf die Gerichtsverhandlung aufmerksam, in der Jürgen Vocke, Landtagsabgeordneter und Jägerpräsident, seinem Widerpart Kurt Eicher, Biologe und Vertreter der Jagdgegner, untersagen lassen will, Vocke mit der Frage zu konfrontieren, ob er ein Lusttöter sei. Eicher stellte sie nach einem Artikel Vockes in der Zeitschrift »Jagd in Bayern«, in dem dieser von der »großen Freude« an erlegtem Wild und der Jagd als »Passion« geschwärmt hatte. Eicher wandte sich daraufhin mit einem Flugblatt direkt an Vocke: »... Wissen Sie denn nicht, dass Passion auf deutsch Leidenschaft und Lust heißt? Sie geben also selbst zu, aus Lust Tiere zu töten.« Nicht nur die Frage, sondern auch diese Interpretation seiner Worte will der beleidigte Jäger dem streitbaren Biologen untersagen lassen.

Im Gerichtssaal ging es dann auch hoch her. Der Jägerpräsident gab sich aggressiv. Schon im Vorfeld ließ er in einem Anwaltsschriftsatz seinen Prozessgegner als »geltungsüchtigen Neurotiker« schmähen. Nun empörte er sich auch mündlich: Man rücke ihn in die Nähe eines »Lustmörders«, was ja völlig abwegig sei. Der Anwalt Eichers hielt ihm entgegen, dass die Lust nicht nur in den Äußerungen Vockes, sondern auch in Jägerzeitschriften als wichtiger Bestandteil der Jagd gepriesen werde. Zum Beispiel sei in der Jägerzeitschrift »Wild und Hund« zu lesen: »Beim Erlegen des Wildes erleben Jäger einen Kick, und zu dem sollten sie sich auch bekennen.« Der Jäger verschaffe sich »unbewusst das Gefühl, die Natur mit ihrer beängstigenden Todesgewissheit zu beherrschen. So ist also die häufig kritisierte ‚Lust am Töten'... nichts anderes als ein ‚hingebungsvolles Streben nach Überwindung des Todes durch Naturbeherrschung'...« Den »emotionalen Erfolg, den Kick«, erlebe der Jäger »nur, wenn es ihm gelingt, das Leben eines speziellen Tieres zu vernichten«.


Prof. Rohmann:
»Exorbitanter Lusteffekt« beim Töten von »Wild«


Von diesem »Kick« ist auch in einem Vortrag auf der Jahrestagung des »Forums lebendige Jagdkultur« die Rede, den Professor Rohmann vor einigen Jahren hielt. Ungeniert stellt er fest: »Denn darin, dass wir das Naturding Wild töten und dabei einen exorbitanten Lusteffekt erleben, erweist es sich empirisch, dass wir etwas ganz Besonderes in unserem Inneren erfahren... Die Jagdlust überhaupt und die Lusterfahrung im Tötungsakt ist also kulturevolutiv eine starke, erfolgreiche und eine kompetente Überlebensstrategie des Menschen...«

Professor Rohmann erklärt weiter: Der Weg sei das Ziel, denn nur dann, wenn die Jäger wüssten, welche Ursachen ihrer Lust zugrunde lägen, Wildtiere zu bejagen und zu töten, nur dann könnten sie sich ein Urteil darüber bilden, wie Ziel und Weg bei der Jagd in jedem Fall der Jagdaktualität interagieren.
Weiter sagte Rohmann beim »Forum lebendige Jagdkultur: »Mit der Jagd ist es ähnlich wie mit der Liebe: Das erotische Erleben liegt auf dem Weg zum Höhepunkt. Das Ziel liegt nämlich nicht im schnellen Schuss, sondern im Erstreben und Erleben eines gemeinsam erreichten anhaltenden Höhepunktes. Der sexuelle Orgasmus wird in einer Metapher der französischen Sprache auch ‚La petite mort' genannt... Den emotionalen Höhepunkt seiner Jagd, den Kick, erlebt der Jäger immer dann, wenn er den todbringenden Schuss auslöst, und er erlebt ihn auch, wenn das Wild nicht sofort tödlich getroffen den Schuss zwar ‚quittiert', aber entflieht...«


Psychoanalytiker und Jäger Parin gibt zu:
»Sex and Crime«


Auch den Neurologen und Psychoanalytiker Paul Parin zitierte der Anwalt, der in seinem 2003 erschienen Buch »Die Leidenschaft des Jägers« schreibt: »Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird. Die wirkliche Jagd ist ohne vorsätzliche Tötung nicht zu haben. Leidenschaftlich Jagende wollen töten. Jagd ohne Mord ist ein Begriff, der sich selber aufhebt. Und weil es sich um Leidenschaft, Gier, Wollust handelt - um ein Fieber eben -, geht es in diesem Buch um Sex and Crime.«
Und weiter: »Das Jagdfieber erfasste mich immer wieder mit der gleichen Macht wie sexuelles Begehren. Das Ziel der Gier war von jetzt an der Mord an einer Kreatur.«

Der Richter, der auf Nachfrage erklärte, dass er zwar kein Jäger sei, aber gerne Wildbret esse, interessierte sich für all das nicht. Passion, so meinte er, könne nicht nur »Lust« bedeuten, und suchte dies durch die »Passion Christi« zu belegen. Ein argumentativer Schlag ins Wasser, denn im Wald leiden zwar die Tiere unter den Jägern, nicht aber umgekehrt. Das Wort »Lusttöter«, so Richter Bühring weiter, sei eine unzulässige Schmähung. Durch diese Wortschöpfung werde der Jägerpräsident in die Nähe eines Lustmörders gerückt und die Ebene der sachlichen Auseinandersetzung verlassen. In den schriftlichen Urteilsgründen heißt es hierzu, man dürfe ihn nicht als eine Person darstellen, die »sich am Leiden und Sterben von Tieren ergötzt«, wie es durch den Begriff »Lusttöter« mit seiner Nähe zum »Lustmörder« geschehe.


Sind Jäger Lusttöter?

Von »Lusttöter« darf also keine Rede mehr sein. Allerdings nur in Bezug auf Vocke. Andere Jäger darf man so bezeichnen, wie der Anwalt Vockes bei der Gerichtsverhandlung ausdrücklich erklärte. Was man aber auch in Bezug auf den Präsidenten der bayerischen Jäger sagen darf, ist: »Sie geben also selbst zu, aus Lust Tiere zu töten.« Das hat das Gericht trotz eines entsprechenden Antrags des Jägerpräsidenten nicht verboten.

Die Öffentlichkeit nahm dieses Ergebnis zum Teil kopfschüttelnd zur Kenntnis, wie sich aus zahlreichen Presseartikeln und einer ausführlichen Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks ergibt. Die Jagdgegner werden gegen das Verbot, Vocke als »Lusttöter« zu bezeichnen, Berufung einlegen. Ihre Aussichten dürften so gering nicht sein: Wie sich nach der Verhandlung herausstellte, hatte Vocke zunächst ein anderes Gericht in München bemüht. Dieses, in Presserechtsangelegenheiten erfahren, hatte ihm signalisiert, dass sein Begehren keinen Erfolg haben würde, worauf er seinen Antrag schleunigst zurückzog - um bei einem presserechtlich weniger beschlagenen Gericht einen mühsamen Teilsieg zu erringen. Es könnte ein Pyrrhussieg werden. »DENK MIT« wird weiter berichten.


Auch Bär Bruno war bei der Demonstration vor dem Gericht dabei. Die Rolle Vockes bei Brunos Abschuss ist ungeklärt.


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